Ried am Riederberg 1590
Anlass für eine detaillierte Studie dieses Erdbebens gab die 1978 heftig geführte Diskussion um das Kernkraftwerk Zwentendorf.
Erdbeben in Ried am Riederberg - Dienstag, den 15. September 1590, gegen Mitternacht (Io = 9°)
In Österreich war das Plebiszit bezüglich des Kernkraftwerkes Zwentendorf (1978) mit ausschlaggebend für das gesteigerte Interesse der Wissenschaft an der Entwicklung einer interdisziplinären Historischen Erdbebenforschung. Dieses Erdbeben war relevant für zahlreiche Diskussionen rund um den Bau des Kernkraftwerkes Zwentendorf, das in der Nähe des angenommenen Epizentrums liegt, und wurde aus diesem Grund detailliert untersucht.
Rückblickend zeigt die Katastrophe des Atomkernkraftwerkes Fukushima im Jahre 2011, wo es nach dem Tohoku-Seebeben mit einer Magnitude 9 und einem darauf folgenden Tsunami in Block 1 bis 3 zu einer Kernschmelze kam, die Wichtigkeit der Historischen Erdbebenforschung für aktuelle Standortsicherheitsfragen.

Bezogen auf Österreich existieren an der ZAMG erst seit 1904 seismische Aufzeichnungen durch den Österreichischen Erdbebendienst. Wegen der Problematik um Zwentendorf mussten daher die Historikerinnen und Historiker eine hohe Anzahl an historischen Quellen bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen, um eine Antwort auf die Frage nach der Erdbebengefährdung für den Standort Zwentendorf zu finden.
Die oben im Text erwähnte Schilderung der zeitgenössischen Quelle über das Erdbeben von 1590 lautet: „… die khürchen dermassen zerschmettert und zerlittert, das man nit darein darf …”, was unter anderem bezüglich der Erdbebensicherheit des Standortes des damals gebauten aber noch nicht in Betrieb genommenen Atomkraftwerks nachdenklich stimmte.
Schäden des Erdbebens in Ried am Riederberg vom 15. September 1590

In sehr ausführlichen Berichten wurden die Schäden, die das Beben in Wien verursachte, beschrieben. Die Türme der Michaelerkirche und der Schottenkirche stürzten zum Teil ein und beschädigten die Kirchendächer. Der obere Teil des Turmes der Michaelerkirche, der übrigens schon vor dem Beben in einem schlechten Bauzustand gewesen war, musste erneuert werden. Noch heute erinnert hier eine Inschrift an dieses Ereignis.
Die Abbildungen zeigen den Turm der Michaelekirche vor dem Beben 1590 sowie nach dem Wiederaufbau. © GeoSphere Austria
Linke Abbildung: Zeigt den Turm der Michaelerkirche in Wien nach Kieslinger (1953). Erste Abb´linkes Bild: vor dem Beben (nach einem Stich von 1558). Erste Abb. rechtes Bild: Nach dem Wiederaufbau 1594 des beim Beben zerstörten Turmes. Der neue Turm ist um ca. 16 Meter höher als der Alte. © GeoSphere Austria Hammerl; das zweite Bild zeigt die Michaelerkirche heute mit dem höheren Turm © GeoSphere Austria Rauchegger
Auch viele andere Gebäude wie die Jesuitenkirche, Maria am Gestade, die Kirche des Klosters St. Laurenz, die Johanneskirche, das Dominikanerstift, die Burg, das Nikolaikloster, die Malteserkirche, der Seitzerhof, der Passauer Hof, der Bischofshof und das Himmelpfortkloster erlitten nachweislich Schäden. In früheren Zeiten wurden Berichte über Erdbebenschäden vor allem über klerikale Bauten verfasst, eine Ausnahme bildet z. B. die folgende Nachricht: In der Rotenturmstraße waren im Gasthaus „Zur guldnen Sonne” durch dessen Einsturz neun Tote zu beklagen.
Erst später, im Zeitalter der Aufklärung, wurden auch Schäden an Bürgerhäusern systematisch erhoben (siehe das Beben von 1768 und 1794). Wie man in der Abbildung aus der zeitgenössischen Flugschrift – zur damaligen Zeit wie auch heute war es üblich, spektakuläre Themen aber übertrieben darzustellen – erkennen kann, wurde der Südturm des Stephansdomes beschädigt.
Aber lassen wir einen zeitgenössischen Bericht von Marcus Volmarius aus der „Newe Zeittung vom schröcklichen Erdbidm …” aus dem Jahre 1591 sprechen:
„…VIII: Das nun gemeldte Nächtliche Erdbebung so grausam schröcklich/ vnd forchtsam gewest/ vnd es dermassen in der Statt Wien gesauset und geprauset/ vnnd alle Gebehttps://geoweb.geosphere.at/wimagese sich allezeit erreget/ beweget/ erschüttelt/ vnd gerüttelt/ nicht anders/ als würde die Statt, inn einem augenblick versincken vnd vndergehen…
IX: Daß etlich hundert Rauchfäng in der Statt Wien/ durch den erdbidm/ eingangen sind: vnnd man viel abtragen muß…
XII: Ich kan schwerlich deuten/ den grossen schaden/ so an S.Stephansthurn/ welcher der höchste ist zu Wien/ geschehen: daraus viel grosser werckstuck herab gefallen: das kleine spitze Thürnlein am krantz zerkloben/ eins gar herunter gefallen: vnd sich der thurn dermassen gneiget/ wenn mans nach dem Winckelmaß solt absehen/ daß sich der knopff auff ein gutt klaffter auff die seiten würde finden/ vnnd zubesorgen/ der Thurn möcht noch einfallen: welches vielleicht allbereit geschehen were/ wenn die Quaterstück nicht so vleissig/ mit eyserm bandwerck verschlossen/ vnnd mit Bley nicht so gnaw vergossen vnnd verwaret weren: weil man sich dann besorgt/ das obertheil möcht herunter fallen/ ists abzutragen verdingt/ auff grossen vnkosten…
XIII: Daß die dicke eyserne Stange/ oberhalb deß knopffs an S.Stephansthurn/ darauff der halbe Mond/ deß Türcken zeichen vnd ein stern stehet/ sich wider die Natur dermassen gebogen/ herunder gelassen/ geneigt vnd vmbgewand/ als woltens herab zur Erden fallen/ erschreckt Mich sehr…
XIIII: Daß das Gasthauß bey der gülden Sonnen eingangen/ die Wirtin/ vnd jre Schwester/ sampt sieben Oberlendischen Kaufleuten verschütt/ die man also todt gefunden…
XVIII: Daß der Erdbidem auch der Jesuwider Wohnung nicht verschonet hat: vnd die spitz am Thurn bey S.Michel/ die Kirch durchschlagen: Item beym Schottenkloster mehr denn die halbe Kirche eingangen/ vnnd die Gewölbe durchschlagen/ vnnd an allen orten zerkloben/ vnd dermassen zerschmettert/ daß man nicht sicher drein gehen darff/ man muß abtragen: Item daß es bey vnser Frawen/ bey S.Lorentz/ vnnd bey S.Johannes die kirchen beschediget: vnnd im Kloster beyn Prediger-Mönchen/ ein gewaltigs Gebäw eingangen…
XLVII: Summa summarum/ solche grosse Erdbidem/ neben der Hungersnot/ Pestilentz/ Blutvergiessen/ schröcklichen Chasmatis und Zeichen am Himmel/ sind gewisse Botten und Vorbereitungen/ zum lieben jüngsten Tage: darauf wir gerüst seyn vnd vnserm getrewen Breutigam Jesu Christo, frölich und mit Frehttps://geoweb.geosphere.at/wimagesen entgegen gehen sollen…”
Weitere Informationen über das Beben auf Basis einer weiteren historischen Quelle
Eine weitere zeitgenössische Quelle aus dem Archiv des Rentamtes Königstetten (das Dokument stammt aus dem dortigen Renthof, der die rechtliche Verwaltung der Besitzungen des Bischofs zu Passau innehatte) gibt über die Auswirkungen des Bebens außerhalb Wiens Auskunft. Schäden in folgenden Orten wurden in diesem Bericht beschrieben: Königstetten, Tulbing, Langenlebarn, Sieghardtskirchen, Langenrohr, Zwentendorf, Rust, Michelshausen, Mauerbach, Abstetten, Pixendorf, Tulln, Baumgarten, Freundorf, Dietersdorf, Atzelsdorf und Judenau.
Die Fülle an Informationen aus den in den Archiven ausgehobenen Berichten ließ schließlich die Möglichkeit zu, eine Isoseistenkarte zu zeichnen. Die gewonnenen Erkenntnisse dienen heute weltweit als ein Beispiel für Standortsicherheitsfragen.
Publikationen
Hier finden Sie die Publikationen über das Erdbeben in Ried am Riederberg 1590.

Bücher: „Erdbeben als historisches Ereignis – Die Rekonstruktion des niederösterreichischen Erdbebens von 1590“ von Gutdeutsch et al. (1987) und „Erdbeben in Österreich“ von Hammerl und Lehnhardt (1997). © Springer und Leykam
Hammerl, Christa und Wolfgang Lenhardt: Erdbeben in Österreich. (Leykam Verlag Wien, Graz 1997).
Gutdeutsch, Rolf, Hammerl, Christa, Mayer, Ingeborg und Karl Vocelka: Erdbeben als historisches Ereignis – Die Rekonstruktion des niederösterreichischen Erdbebens von 1590. (Springer Verlag Wien, Heidelberg, New York 1987).
Hammerl, Christa: An example of historical research and methodology of earthquake sources applied to the event of 15th September 1590, in: Workshop of historical seismicity of central - eastern mediterranean region. ENEA CRE Casaccia (Rome 1987) p.95-112.
Gutdeutsch, Rolf und Christa Hammerl: Naturkatastrophen in der historischen Forschung – Am Beispiel des Neulengbacher Bebens von 1590, in: Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Geschichte der Naturwissenschaften, Jg. 8, 1-4 (Wien 1988) p.52-69.